Von den dunklen Anfängen der Psychologie - ein Podcast, der Licht ins Dunkel bringt

Wenn Sie an die Anfänge der Psychologie denken, was fällt Ihnen ein?

Gar nichts? Ok, das kann ich gut verstehen. Aber probieren Sie es nochmal, denken Sie an alte psychologische Experimente, was fällt Ihnen da ein?

Stromschläge? Gefängnisse? Alte Männer in weißen Kitteln? Babys denen Ängste antrainiert wurden? Vielleicht noch ein paar Ratten?

Klingt alles nicht so schön. Eher ein bisschen nach Horrorfilm. Vielleicht haben Sie sich auch an den Film “das Experiment” erinnert.

Ich gebe zu, die Geschichte der Psychologie kann ziemlich dunkel wirken.

Kennen Sie zum Beispiel Skinner?

B.F. Skinner war einer der wichtigsten Vertreter des Behaviorismus. Er untersuchte den Einfluss von Verstärkern und Bestrafungen auf das Lernverhalten und prägte den Begriff des operanten Konditionierens. Im Rahmen seiner Experimente entwickelte er eine Apparatur, die später als Skinner-Box bekannt wurde. Die Skinner-Box ist ein Käfig mit einem Hebel, einem Lämpchen, einem Lautsprecher für akustische Signale und einem Boden, den man über ein Metallgitter unter Strom setzen kann. Also richtig schön gemütlich! In diesem Käfig wurde hauptsächlich das Lernverhalten von Ratten untersucht. Sie wurden zum Beispiel für das Drücken des Hebels mit Futterpillen belohnt, oder lernten, sich vor Stromschlägen in Sicherheit zu bringen, wenn die Lampe leuchtete oder ein Tonsignal ertönte.

Ein Käfig, den man unter Strom setzen kann, klingt schon ein bisschen gruselig. Mir ist zumindest lange allein bei dem Namen Skinner ein kleiner Schauer über den Rücken gelaufen.¹

Licht ins Dunkel

Dann habe ich den Podcast “This week in the history of Psychology” entdeckt, der etwas Licht in die dunkle Geschichte der Psychologie bringt. In jeder Folge wird ein anderer Urvater (leider sind es bis auf eine Frau alles Männer) der Psychologie oder ein wichtiges Ereignis aus ihrer Geschichte vorgestellt. Dabei erfährt man Hintergründe zu Theorien und Ereignissen, die nicht in den Lehrbüchern stehen und auch nicht in den Vorlesungen vorkommen. Durch Anekdoten und Einblicke in die Lebensgeschichte der Wissenschaftler bekommen die Theorien und Experimente eine neue, tiefere Bedeutung und man sieht sie in einem ganz anderen Licht.

Vom gefühllosen Wissenschaftler zum engagierten Familienvater

So ging es mir zumindest bei der Folge über Skinner, die das Bild, das ich von ihm hatte, komplett veränderte. Ich war erstaunt zu hören, was für ein liebevoller Ehemann und fürsorglicher Vater er war. Um ehrlich zu sein, hatte ich vorher nie darüber nachgedacht, dass Skinner überhaupt verheiratet und Vater sein könnte. Besonders fasziniert hat mich, dass er seine wissenschaftliche Vorgehensweise nutzte, um ein spezielles Kinderbett zu entwickeln, das seiner Familie das Leben leichter und angenehmer machen sollte. Unglücklicherweise wird die Idee hinter dem Bett bis heute oft falsch verstanden, weil Skinner leider nicht besonders gut darin war, sich und seine Ideen positiv in der Öffentlichkeit darzustellen.

Baby in der Box

Lange Zeit hielt sich so das Gerücht, dass er seine Tochter Deborah in einer Skinner-Box großgezogen hätte. Und irgendwann hieß es sogar, dass sie deswegen psychische Probleme gehabt und sich umgebracht hätte. Was aber gar nicht stimmt, wie Deborah selbst in einem Artikel klargestellt hat.

Das Einzige, was an diesem Gerücht wahr ist, ist, dass Skinner tatsächlich eine Art Box für seine Tochter gebaut hat. Das war aber kein Käfig mit Stromschlägen und Futterhebeln, sondern eine Mischung aus Kinderbett und Laufstall. Skinner nannte diese Konstruktion Air Crib. Die Air Crib war sein Versuch, eine Umgebung zu schaffen, in der sich ein Baby wohlfühlt, und gleichzeitig seiner Frau den Alltag mit Baby zu erleichtern.

Skinners Air Crib ²

Skinners Air Crib ²

Als sie ihr zweites Kind erwarteten, gingen die Skinners den Tagesablauf mit Baby mit all seinen Aufgaben und Arbeiten durch. Dann entschieden sie, welche dieser Arbeiten notwendig waren und auf welche sie verzichten konnten. Am Ende dieses Prozesses stand die Air Crib: ein Raum, in dem das Baby sicher und vor Lärm geschützt war, was gleichzeitig bedeutete, dass es etwas weniger Aufsicht brauchte und nicht so leicht geweckt wurde. Außerdem konnten in der Air Crib Temperatur und Luftfeuchtigkeit reguliert werden, sodass es das Baby immer schön warm hatte und bis auf die Windel nackt sein konnte. Nackt sein lieben die meisten Babys und Frau Skinner musste dadurch wesentlich weniger Wäsche waschen und ersparte sich auch die häufigen Kleidungswechsel, die je nach Kooperationsbereitschaft der Säuglings recht mühsam sein können. Auch wenn das Konzept dieser Aufbewahrungsbox für Babys heute ziemlich befremdlich und steril wirkt, muss man Skinner zugutehalten, dass er sich so viel mit der Pflege seiner Kinder auseinandersetzte und sich dabei einbrachte, wie wohl kaum ein anderer Vater in seiner Zeit.  

Der perfekte Weg, in die Geschichte der Psychologie einzutauchen

Ich kann den “This week in the history of psychology”-Podcast nur empfehlen, weil er tolle Einblicke in die Geschichte der Psychologie bringt und sie greifbar macht. In den einzelnen Folgen werden die großen Wissenschaftler und Urväter der Psychologie zu Menschen. Man erfährt, was sie angetrieben hat, womit sie zu kämpfen hatten, wo sie herkamen, wie sie lebten und wie das alles ihre Ideen, Theorien und Experimente beeinflusst hat.

Ich wünschte, ich hätte den Podcast schon während des Studiums entdeckt. Die Folgen zu Skinner und Cattell hätten das Lernen bestimmt etwas spannender gemacht. Die oft recht trockenen Theorien und Modelle werden weniger abstrakt und lebensnaher, wenn man den Menschen dahinter und dessen Geschichte kennt.

Der Podcast ist zwar auf Englisch, wie der Titel schon vermuten lässt, er ist aber kurz und knackig und lässt sich schnell durchhören. Eine Folge dauert zwischen 25 und 30 Minuten.

Viel Spaß beim Reinhören!

 

Verweise

[1] Das kann aber auch daran liegen, dass ich den Namen Skinner immer mit Häuten, also dem Abziehen von Haut, assoziiere.

 

 

Foto von Jeremy Yap auf Unsplash