Konzentrationsprobleme - Warum wir es der Konzentration gerade so schwer machen

Sind Sie bereit, diesen Artikel in Ruhe und ohne Unterbrechungen zu lesen?

Haben Sie sich ins stille Kämmerlein zurückgezogen oder zumindest Ihre Kopfhörer aufgezogen, um sich von der Außenwelt abzuschotten?

Haben Sie Ihr Smartphone lautlos gestellt und aus dem Blickfeld entfernt? (Letzteres natürlich nur, wenn Sie den Artikel nicht auf dem Smartphone lesen.)

Sind alle Pop-Up-Benachrichtigungen, Benachrichtigungssymbole und -töne abgestellt?

Haben Sie bei Facebook, WhatsApp und Co. in Ihren Status geschrieben, dass Sie die nächsten 5-10 Minuten nicht erreichbar sind?

Ja? Fertig?

Dann kann es ja losgehen mit dem Lesen!

Nachdem ich in kurzer Zeit gleich zwei Artikel gelesen habe, in denen die Autoren beklagen, dass sie Probleme haben, sich voll und ganz auf ein Buch zu konzentrieren und darin zu versinken, mache ich mir ernsthaft Sorgen um die Konzentration. Wenn schon ein Schriftsteller ¹ und eine Journalistin ² Schwierigkeiten haben, sich auf’s Lesen zu konzentrieren, ist die Lage ernst!

Rettet die Konzentration!

Heutzutage muss man die Konzentration schützen wie ein vom Aussterben bedrohtes Tier, dessen natürlicher Lebensraum immer weiter zurückgeht. Sie musste schon immer gegen die Langeweile und die Angst vorm Scheitern an zu komplexen Aufgaben kämpfen, jetzt muss sie aber noch gegen das Mandat der ständigen Erreichbarkeit kämpfen und die unzähligen Unterbrechungen, die es mit sich bringt.

Einen Zeitraum ohne Unterbrechungen zu finden, wird immer schwieriger. Früher zog man sich einfach in sein Büro oder Zimmer zurück und schloß die Tür. Heute muss man zusätzlich noch alle möglichen Benachrichtigungen von allen möglichen Geräten abstellen und selbst dann hat man das im Hinterkopf, was man verpassen könnte. Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich nach zwei Stunden Abstinenz wieder auf mein Smartphone geschaut und dann 50 neue Nachrichten von verpassten Diskussionen entdeckt habe, mit deren Ergebnis ich dann leben musste. Wenn ich mich von Unterbrechungen abschotte und offline gehe, habe ich schnell ein schlechtes Gewissen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich mich mit der Konzentration auf etwas gleichzeitig gegen meine sozialen Kontakte entscheiden.

Auf der einen Seite gibt es also das Internet und Smartphones mit ihrem ständigen Strom an Meldungen und Sofortnachrichten, und auf der anderen Seite gibt es uns, die wir uns dadurch unterbrechen lassen, darauf reagieren und damit weiter die allgemeine Erwartungshaltung aufrechterhalten, dass man immer verfügbar sein müsse. Aber warum machen wir da mit?

Warum lassen wir uns ständig unterbrechen?

Warum schaue ich ständig auf mein Smartphone? Warum checke ich ständig meine E-Mails? Logge mich bei Facebook ein? Oder lese “Eilmeldungen” von Nachrichtenportalen? Die Informationen, die sich dahinter verbergen, sind oft wenig spektakulär und von geringem Informationsgehalt. Wir leben zwar im Zeitalter der Informationsflut, aber was uns überflutet, sind eher unnötige Informationen, zumindest werden die meisten keinen weiteren Einfluss auf unser Leben haben. Ich weiß dann zwar, dass Barbara hübsche Muffins gebacken hat, dass Eva in Spanien schwitzt, oder dass Martin Schulz und Sigmar Gabriel sich wieder versöhnt haben, aber wirklich wichtig ist das für mich in diesem Moment eigentlich nicht. Jedenfalls ist es nicht so wichtig, dass ich es jetzt sofort, gleich wissen müsste. Sind wir früher auch alle fünf Minuten zum Briefkasten gelaufen? Haben wir auch mit so viel Leidenschaft die Zeitung gelesen und darauf geachtet, dass wir selbst die kleinste Meldung nicht verpassen?

Fette Informationshäppchen oder falscher Alarm - die Spannung bleibt

Das Internet hat uns mit seinen Informationshäppchen aus Meldungen und privaten Nachrichten konditioniert, wie Pawlow seinen Hund konditioniert hat: Hören wir das Vibrieren oder Bling einer neuen Nachricht oder sehen wir das Nachrichtensymbol auf dem Bildschirm blinken, steigen unsere Neugier und Erwartung, und uns durchfährt ein Stoß positiver Erregung. Diese Konditionierung funktioniert deshalb so gut, weil wir nie wissen, wann eine neue Benachrichtigung kommt. Wir wissen auch nicht, ob es sich um ein richtig fettes Informationshäppchen handelt, die Nachricht also interessant ist und der Vorfreude gerecht wird, oder ob es nur falscher Alarm war und es doch nur wieder eine Werbemail oder eine Kettennachricht ist. Es bleibt immer spannend. Der Blick auf den Bildschirm könnte sich jederzeit lohnen. Bei jedem Bing steigt die Spannung auf’s Neue. Dieser Versuchung zu widerstehen und sich nicht durch das Bing, Brrr oder Blinken ablenken zu lassen, kostet verdammt viel Willenskraft.

Ein Hoffnungsschimmer

Trotz all dieser Angriffe auf unsere Konzentrationsfähigkeit, wage ich doch zu hoffen, dass wir sie nicht ganz verlieren. Internet, Smartphones und Social Media und alle Möglichkeiten, die sie mit sich bringen, sind immer noch sehr neu für uns und wir befinden uns in einer Anpassungsphase. Noch machen wir alles, was geht, bzw. was Andere damit machen oder was uns die Voreinstellungen vorgeben. Es gibt aber mehr und mehr Anzeichen dafür, dass sich das Bewusstsein langsam zu einem bewussteren Umgang hin ändert, und die Möglichkeiten der neuen Technik so genutzt werden, wie sie für uns passen und sinnvoll sind. Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Smartphone und Sofortnachrichten wird öfter in Gesprächen thematisiert und zwar nicht in Expertenkreisen sondern in meinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. WhatsApp- oder Facebook-Nachrichten werden nicht mehr sofort beantwortet sondern manchmal erst nach ein paar Tagen, und selbst meine Eltern haben ihre Facebook-Entdeckungsphase mittlerweile hinter sich gelassen und schauen nicht mehr jeden Tag ihren Newsfeed durch.

Wenn wir jetzt noch etwas besser auf unsere Konzentration achten, Schutzräume und ein freundlicheres Klima für sie schaffen und zwar am besten nicht nur bei uns im Kleinen, - Arbeitgeber könnten hier richtig was bewegen- sieht es doch gar nicht so schlecht aus!

 

Verweise

[1] "Habe ich verlernt, mich zu konzentrieren?" von Kathrina Ehmann auf Perspective Daily https://perspective-daily.de/article/470/NTJIgoqs

[2] "I have forgotten how to read" (leider nur englisch) von Michael Harris auf the Globe and Mail https://www.theglobeandmail.com/opinion/i-have-forgotten-how-toread/article37921379//