Warum ärgert es Andere so sehr, was wir essen oder nicht essen? - Essen als Ausdruck der moralischen Identität

Und schwups ist schon wieder Ostern: vier Tage frei, Zeit für Osterspaziergänge, sich mit der Familie und Freunden zu treffen, gemeinsam zu essen, Eier zu suchen und ganz viel Schokolade zu naschen! So habe ich zumindest Ostern in Deutschland in Erinnerung. Hier in Kalifornien ist es ein bisschen anders, weil Ostern nur ein ganz normales Wochenende ohne zusätzliche freie Tage ist. Der Rest mit Familie, Essen und Eiern stimmt aber ungefähr.

Nachdem mit dem Erwachsenwerden Geschenke und Osternester immer unwichtiger für mich wurden, ist das Festtagsessen mit der Familie zum neuen Höhepunkt der Feiertage geworden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es vielen Anderen genauso geht. Allerdings kann es heutzutage, in den Zeiten des Ernährungsmosaiks aus Lebensmittelunverträglichkeiten, Flexitariern, Pescetariern, Veganern, Frutariern und Vegetariern eine ganz schöne Herausforderung sein, ein Gericht zu finden, das die ganze Familie mag oder zumindest isst. Da trifft der fleischliebende Opa auf den vegan lebenden Enkel und die kalorienbewusste Tante. Der geliebte Festtagsbraten kann so von der ehemals unschuldigen Festtagsfreude zum Stein des Anstoßes werden: während die Einen sich auf Genuss freuen, sehen die Anderen eine gesundheitsgefährdende Kalorienbombe, eine zum Verzehr gezüchtete Tierleiche oder die Sünden einer negativen Ökobilanz vor sich und die Wahrscheinlichkeit, dass über das Essen diskutiert und sogar gestritten wird, ist ziemlich hoch.

Du bist, was du (nicht) isst!

Warum gibt es beim Essen immer wieder Diskussionen und Streit? Warum ärgert es uns so sehr, was andere Menschen essen oder eben nicht essen?  Ist es nicht albern, über Knödel und Braten zu streiten? Kann es uns nicht egal sein, ob Opa Knödel oder Fleisch isst? Und kann es Opa nicht egal sein, dass der Enkel kein Fleisch isst?

Essen und Moral

Lebensmittel sind heute so moralisch aufgeladen wie nie. Sie können bio, saisonal, regional, fair trade, nachhaltig angebaut, glutenfrei, vegan etc. sein. Was wir essen, wird zum Ausdruck unserer Werte und Identität. Und unsere moralische Identität ist uns wichtig! Wir wollen uns als moralische, gute Menschen fühlen und auch so wahrgenommen werden.

Verweigerung als Angriff

Das ist auch der Grund, warum es uns so wichtig ist, was andere Menschen nicht essen: Wenn jemand aus moralischen Gründen etwas nicht isst, was wir aber essen, stellt er unsere Moral in Frage. Mit ihrem Verzicht zeigt uns die Person, dass wir moralischer sein und auch verzichten könnten, und damit greift sie unsere moralische Identität an oder lässt uns zumindest an ihr zweifeln. Und wie reagieren wir, wenn wir bedroht werden und etwas unangenehmes über uns selbst erfahren? Wir werten erstmal die Quelle ab, also die moralische Person, und machen sie zum Ziel unserer negativen Gefühle.

Wurstesser vs. Wurstverweigerer

Florien Cramwinckel und ihre Kollegen konnten diesen Prozess in einer Studie zeigen: Personen, die sich aus moralischen Gründen weigerten Wurst zu essen, wurden von Personen, die die Wurst gegessen hatten, negativer angesehen und beurteilt. Gleichzeitig fühlten sich die Wurstesser von den Wurstverweigerern bedroht, was man auch an ihrem Puls und Blutdruck sehen konnte, und hatten ein negativeres Selbstbild nach der Konfrontation mit dem moralischen Wurstverweigerer. Wenn man es so sieht, ist es gar nicht mehr so verwunderlich, dass es immer wieder Streit beim Essen und ums Essen gibt. Bedrohungsgefühle sind also beim gemeinsamen Essen durchaus real, auch wenn wir uns dessen oft nicht bewusst sind.

Das erklärt auch, warum Vegetarier und Veganer immer wieder ins Kreuzverhör geraten und sich für ihr Essverhalten rechtfertigen müssen. Denn wenn man es mal anders betrachtet, sind moralisches Verhalten und hohe moralische Standards eigentlich etwas, für das man im Kreis der Familie und auch sonst in der Gesellschaft Lob und Anerkennung bekommt.

Was kann man dagegen tun?

Am wichtigsten ist, sich diese unbewussten negativen Reaktionen bewusst zu machen und sich dann zu entscheiden, wie man reagiert: Am besten ist wohl, sich auf den eigenen Teller zu konzentrieren und zu akzeptieren, dass jeder selbst entscheiden kann, was er isst und auf was er verzichtet. Auch wenn der moralische Appell des Verzichts unüberhörbar erscheint, ist es ok, ihn einfach zu ignorieren. Ich bin mir sicher, viele Veganer und Vegetarier wollen nicht die ganze Zeit als Moralapostel wahrgenommen werden, sondern einfach nur in Ruhe mit ihrer Familie essen.

Und wenn Sie Ihr Gewissen zu sehr plagt, ändern Sie Ihre Essgewohnheiten oder finden Sie eine andere Möglichkeit, Ihr Moralkonto wieder aufzuladen. Sie könnten beispielsweise beim Abwasch helfen oder den Müll rausbringen.

Händewaschen nicht vergessen!

Oder Sie können einfach nach dem Essen Ihre Hände waschen. Nein, das ist kein Witz! Sich von Schuld rein zu waschen und die Hände in Unschuld zu waschen, wird nicht nur in der Sprache als Bild verwendet, sondern funktioniert auch psychologisch. Weil wir Schuld und Moral mit Schmutz und Reinheit assoziieren, hilft es tatsächlich, wenn wir nach einer Bedrohung oder Beschmutzung unserer Moral die Hände waschen. In der oben beschriebenen Studie konnten Cramwinckel und ihre Kollegen auch zeigen, dass der Wurstverweigerer weniger negativ bewertet wurde und das Selbstbild der Wurstesser weniger oder keinen Schaden nahm, wenn sie sich nach dem Essen der Wurst die Hände reinigten.

Ich weiß nicht genau, ob man für diese moralische Reinigung Seife braucht oder ob auch Servietten reichen, aber falls Sie dieses Jahr das Festtagsessen ausrichten, würde ich Ihnen empfehlen, Servietten auszulegen. Damit können Sie ganz einfach Ihren Beitrag zur Harmonie am Tisch und einem Essen in Frieden leisten.

Weitere Beiträge zum Thema Essen und Moral:

Essen und Moral - 100% Ökostrom als Lizenz für moralisch unbeschwerteren Wurst-Genuss

Verweise

Die Originalstudie von Florien Cramwinckel und Kollegen findet sich unter:

Cramwinckel, F.M, van Dijk, E., Scheepers, D., & van den Bos, K.(2013). The threat of moral refusers for one's self-concept and the protective function of physical cleansing. Journal of Experimental Social Psychology, 49, 1049-1058.

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Foto von Gabriel Garcia Marengo auf Unsplash