Das goldene Buch im Kopf und seine Tücken - Moral Licensing

Besuch vom Nikolaus

Dezember war für mich als Kind eine magische Zeit, alles zählte auf Weihnachten hin, die Türchen im Adventskalender, die Kerzen am Adventskranz, und dann kam am 6. Dezember auch noch der Nikolaus! Erinnern Sie sich an den Nikolaus? Nein, nicht der Mann mit weißem Bart und Zipfelmütze im roten Mantel mit weißem Pelzbesatz! Das ist der Weihnachtsmann, der rutscht an Weihnachten in Amerika durch die Kamine und bringt die Geschenke. Ich meine den Mann im rot-goldenen Mantel mit Bischofsmütze und Bischofsstab, der am 6. 12. in den Kindergarten kommt und dort mit den Kindern die Jahresgespräche führt, den Sidekick von Knecht Ruprecht. Für alle, die sich nicht erinnern oder nicht wie ich in einem katholischen Kindergarten waren, hier eine kurze Beschreibung, wie der Besuch des Nikolauses abläuft: Neben seinem Sack mit den Geschenken und dem Bischofsstab hat der Nikolaus auch zwei Bücher dabei, ein goldenes und ein schwarzes Buch. Im goldenen Buch stehen die guten Taten der Kinder und im schwarzen Buch die schlechten. Die Kinder treten einzeln vor den Nikolaus und der schaut, was im goldenen und im schwarzen Buch über das Kind geschrieben steht. Für die guten Taten im goldenen Buch wird es dann belohnt und für die schlechten Taten im schwarzen Buch getadelt. Meine Mutter wurde als Kind sogar mal zur Strafe in den Sack gesteckt, aber das war in den dunklen, wilden Zeiten der 50er/60er Jahre als man noch eine andere Auffassung von Erziehung hatte.

Das goldene Buch im Kopf

Irgendwann, am Ende des Kindergartens oder in der Grundschule, aber spätestens wenn man erwachsen ist, stellt der Nikolaus seinen Feedback-Service ein und kommt nicht mehr zu Besuch. Ab da muss man das mit dem Belohnen und Tadeln dann alles selbst erledigen. Der Einfachheit halber schiebt man das schwarze Buch ganz hinten ins mentale Bücherregal und hält nur das goldene Buch griffbereit. Weil der Kopf nicht so funktioniert, dass er sich verlässlich die guten Taten eines ganzen Jahres merken kann, ändert sich das Prozedere etwas: man liest sich nicht mehr einmal im Jahr das ganze Buch vor, sondern zieht das ganze Jahr über immer mal wieder einzelne Einträge raus, wie’s halt gerade passt, und belohnt sich dann dafür. Die Psychologie nennt dieses Lesen im goldenen Buch mit anschließender Belohnung Moral Licensing: Unsere vergangenen guten Taten geben uns eine Lizenz oder Rechtfertigung uns etwas zu gönnen. Weil wir vorher schön brav waren, belohnen wir uns selbst.

Das ist an sich nicht schlimm, Belohnung ist schließlich wichtig für die Motivation. Das Ausstellen moralischer Lizenzen hat aber seine Tücken. Da wir jetzt selbst die Geschenke austeilen und nicht mehr der Nikolaus, kann die Belohnung schnell außer Kontrolle geraten und viel größer sein, als es die ursprüngliche gute Tat war: wenn wir uns zum Beispiel mit einem Stück Schokoladenkuchen dafür belohnen, dass wir zum Mittagessen nur einen Salat hatten oder uns für 20 Minuten Sport eine große Portion Pommes gönnen. Außerdem kann man immer eine Rechtfertigung finden, wenn man nur lange genug im goldenen Buch blättert.

Eine weitere Tücke des goldenen Buches ist, dass es uns etwas selbstgefällig und nicht unbedingt netter machen kann, wenn wir darin lesen. Wenn wir uns mal wieder vor Augen geführt haben, was für ein guter Mensch wir sind, finden wir es anschließend eher ok, mal nicht mehr ganz so nett zu sein, weil wir ja schon gezeigt haben, wie gut und moralisch wir sind. Mein Lieblingsvergehen in dieser Hinsicht ist, dass ich über etwas meckere, über das ich mich ansonsten gar nicht beschweren würde, wenn ich mir zuvor in einer anderen Situation eine spitze Bemerkung verkniffen und stattdessen ein Lächeln abgerungen habe. Das geht auch im Bereich Vorurteile und Toleranz. Sprüche wie “Mein Nachbar ist Türke und ich verstehe mich ganz gut ihm, aber so langsam gibt es genug Türken in unserer Stadt” sind eine besonders beliebte Art, sich eine moralische Lizenz auszustellen und diese gleich zu benutzen.

Moral Licensing funktioniert übrigens auch ganz prima im Bereich umweltfreundliches Verhalten. Vor allem heute, wo alles moralisch aufgeladen ist, und jede Kaufentscheidung gleich ein moralisches Statement darstellt. Eine Studie zeigte zum Beispiel, dass Personen, die sich zu Beginn für Bio-Produkte anstatt konventioneller Produkte entschieden hatten, anschließend eher schummelten und logen als Personen, die konventionelle Produkte wählten.

Muss ich mein goldenes Buch jetzt aus meinem Kopf verbannen?

Nun wissen Sie von ihrem goldenen Buch. Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal darin gelesen haben? Wahrscheinlich wollen Sie jetzt gar nicht mehr darin lesen! Aber warten Sie bitte noch, bevor Sie es in Ihren mentalen Papierkorb entsorgen! Es geht mir nicht darum, dem goldenen Buch einen schlechten Ruf zu verschaffen. Ich wollte es eher retten, indem ich aufzeige, wie leicht wir es missbrauchen. Wenn wir unsere eigenen raffinierten Tricks kennen, fällt es leichter, sie zu durchschauen und zu vermeiden, dass wir uns selbst sabotieren und es uns schwerer machen, auf unsere Gesundheit zu achten und unseren Werten entsprechend zu leben.

Zugegebenermaßen habe ich das bisher etwas einseitig dargestellt, man kann nämlich aus ganz unterschiedlichen Gründen im goldenen Buch lesen, nicht nur um sich eine Rechtfertigung für ein Stück Kuchen zu suchen. Man kann es auch lesen, um sich selbst aufzubauen, wenn mal wieder alles doof ist und nichts zu klappen scheint. Dann kann es gut tun, sich daran zu erinnern, was man schon alles geschafft hat.

Wenn Sie sich mal wieder dabei erwischen, dass Sie ihr goldenes Buch auf der Suche nach einer Rechtfertigung durchblättern, erinnern Sie sich an die ursprünglichen Gründe für die gute Tat. Erinnern Sie sich daran, dass es nicht darum geht, schlecht oder gut zu sein oder als gut und moralisch wahrgenommen zu werden, sondern dass Sie so gehandelt haben, um Ihren Werten entsprechend zu leben und Ihren Zielen näher zu kommen. Sehen Sie das goldene Buch nicht als Coupon-Heft, aus dem man sich immer dann einen Gutschein rauslösen kann, wenn man ihn braucht oder wenn man sich irgendwie belohnen möchte, sondern eher als eine Dokumentation der Momente, in denen Sie es geschafft haben, im Einklang mit Ihren Werten zu leben.

Advent ist eine gute Zeit, um mal wieder bewusst im goldenen Buch zu blättern und dabei etwas Schokolade zu essen, einfach so, weil sie im Adventskalender war. Sie können natürlich auch eine Mandarine dabei essen, dann haben Sie gleich einen neuen Eintrag für Ihr goldenes Buch!  

Einen schönen Advent!

 

Verweise

Foto von Kiwihug auf Unsplash